Mit 71 Jahren noch einmal Verantwortung für einen Jugendlichen zu übernehmen, hätte ich mir früher nicht vorstellen können. Doch das Leben hat seine eigenen Wege. Traurige Umstände haben dazu geführt, dass mein 14‑jähriger Enkel nun bei mir lebt. Diese Situation stellt vieles auf den Kopf. Nicht meinen Tagesablauf, sondern meine Sichtweisen, meine Einstellungen und mein Verständnis von Erziehung und Gesellschaft.
Zwischen 71 und 14 Jahren liegt eine ganze Generation. Und diese Generation hat sich verändert. Neue Werte, neue Gewohnheiten, neue Blickwinkel. Meine eigenen Kinder sind seit über vierzig Jahren aus dem Haus. Ich habe sie anders erzogen, als sie heute ihre Kinder erziehen. Jetzt muss ich mich umstellen. Das ist nicht immer leicht.
Mein Enkel ist ein höflicher, freundlicher Junge. Er hilft älteren Menschen, trägt Einkäufe, hält Türen auf und zeigt Respekt. Darauf bin ich stolz. Gleichzeitig frage ich mich, was in seinem Kopf vorgeht, wenn er nach dem Gießen der Grünpflanzen die Gießkanne mitten im Wohnzimmer stehen lässt und ich zum hundertsten Mal sage das er seine Brotdose mir gleich nach der Schule geben soll. Jeden Tag erinnere ich ihn daran. Jeden Tag steht sie wieder da. Vielleicht liegt es am Handy, an den Spielen, an der Ablenkung. Vielleicht ist es einfach das Alter.
Wie viele Jugendliche ist er fasziniert von Kriegsspielen und vom Zweiten Weltkrieg. Soldat werden möchte er aber nicht. Das sei ihm zu gefährlich. Diese Mischung aus Faszination und Distanz verstehe ich nicht immer. In unserer Familie gibt es keinen Nährboden für nationalsozialistische Ideologien. Wir sind links geprägt. Und damit meine ich nicht grün oder sozialdemokratisch, sondern eine echte linke Haltung.
Um Geschichte begreifbar zu machen, bin ich mit ihm und einem weiteren 9 jährigen Enkel in das KZ Dachau gefahren. Geschichte vor Ort. Mit unserer eigenen Familiengeschichte im Hintergrund. Einer meiner Großväter war politischer Gefangener in Dachau. Der andere wurde als Instrukteur der KPD in Berlin zu Tode gefoltert. Diese Geschichten gehören zu uns.
Der Besuch hat unterschiedliche Spuren hinterlassen. Der Kleine war schnell gelangweilt. Der Große hat nach dem Rundgang auf ein Mittagessen in einem Restaurant verzichtet. Das hat mich überrascht. Am Ende landeten wir bei McDonald’s, meinem ersten Besuch dort überhaupt. Die beiden mussten mir erklären, wie alles funktioniert.
Beim Essen entstand ein Gespräch, das mich nachdenklich gemacht hat.
„Opa, die Amerikaner haben Deutschland befreit und den Krieg gewonnen.“
„Woher hast du das?“
„Hab ich gehört.“
Diese Version der Geschichte hört man oft. Ja das habe ich auch gehört aus dem Mund des amerikanischen „Friedens Präsident“ auf irgendeiner Rede. Woher soll ein Mensch auch wissen mit seinem Intelligenzquotient das die Zerschlagung des Hitlerfaschismus in erster Linie durch die Sowjetarmee erfolgte. Sie trug die Hauptlast des Krieges. Die USA griffen erst 1944 mit der Landung in der Normandie bewusst ein, als der Ausgang des Krieges bereits absehbar war.
Nun kommt das Argument. Ja – die USA unterstützten die Sowjetunion ab 1941 mit dem Leih‑ und Pachtvertrag. Das ist richtig. Aber selten wird erwähnt, dass diese Hilfe teuer zurückgezahlt werden musste – zum dreifachen Wert der gelieferten Güter. Darüber spricht kaum jemand. Und es wird wenig getan, um diese historischen Zusammenhänge klarzustellen. Unsere großen Politiker in der Regierung verdrängen das sehr gerne.
Geschichte ist kompliziert. Aber sie zu verschweigen oder zu vereinfachen, macht sie gefährlich. Und es ist auch ein Beweis dafür das die Geschichtsschreibung durch den Sieger geschrieben wird.
In diesem Zusammenhang gingen mir auch Gedanken über unser Verhältnis zum Judentum durch den Kopf. Darüber habe ich mit meinem Enkel nicht gesprochen, aber die Eindrücke aus Dachau und meine eigenen Erfahrungen mit der Geschichte lassen mich darüber nachdenken.
Ich kenne viele der Orte, an denen der nationalsozialistische Terror sichtbar wird: Auschwitz, Buchenwald, Theresienstadt, Sachsenhausen, Ravensbrück und weitere Lager. Jeder Mensch, der das Wort „Faschismus“ benutzt, sollte diese Orte einmal gesehen haben. Erst dort begreift man, was dieses Wort wirklich bedeutet. Für mich ist es bis heute kaum auszuhalten, was das jüdische Volk im Laufe seiner Geschichte ertragen musste.
Trotzdem wehre ich mich dagegen, mich persönlich moralisch verantwortlich zu fühlen. Sippenhaft ist nicht statthaft. Verantwortung für die Vergangenheit bedeutet für mich, die Geschichte zu kennen, sie ernst zu nehmen und dafür zu sorgen, dass sich solche Verbrechen nie wiederholen.
Meine Gedanken gehen aber weiter. Ich frage mich, wie man die historische Erfahrung des jüdischen Volkes mit der heutigen politischen Realität in der Region in Beziehung setzen kann. Viele Menschen empfinden die aktuelle Situation als widersprüchlich. Sie sehen Gewalt, Gegengewalt, militärische Operationen, politische Entscheidungen und menschliches Leid. Manche stellen sich die Frage, wie diese Entwicklungen mit den historischen Erfahrungen zusammenpassen.
Erklärt mir bitte, was unterscheidet Israel heute vom faschistischen Deutschland. Ein Volk was so viel erdulden musste begeht dieselben Verbrechen. Überzieht ihre gesamte Region mit Gewalt, Vernichtung, Auslöschung. Kriegsverbrechen, Verbrechen an die Menschlichkeit steht an der Tagesordnung. Man wirft das deutsche Volk vor über die Verbrechen des Nationalsozialismus gewusst zu haben und nichts unternommen zu haben. Dieser Vorwurf ist korrekt. Das selbe werfe ich aber jetzt dem jüdischen Volk vor.
Ich weiß, dass es in Israel selbst viele Menschen gibt, die die Politik ihrer Regierung kritisch sehen. Und ich weiß auch, dass die Lage im Nahen Osten komplex ist, geprägt von Angst, Trauma, Geschichte, Ideologien und gegenseitigen Bedrohungen. Trotzdem kann ich nachvollziehen, warum manche Menschen wütend, verzweifelt oder Hass reagieren, wenn sie die Nachrichten verfolgen.
Mir geht es nicht darum, ein Urteil zu sprechen. Mir geht es darum, meine eigenen Gedanken zu sortieren. Geschichte verpflichtet uns, genau hinzusehen – damals wie heute. Und sie verpflichtet uns, über Gewalt, Verantwortung und Menschlichkeit zu sprechen, ohne in Pauschalurteile zu verfallen.
Wenn ich über Geschichte und Verantwortung nachdenke, komme ich unweigerlich auch zur Gegenwart. Ich suche nach einer klaren Haltung in der Politik, nach einer Linie, die sich an Völkerrecht und Menschlichkeit orientiert. Doch oft habe ich das Gefühl, dass mit zweierlei Maß gemessen wird.
Russland wird sanktioniert. Andere Staaten, die ebenfalls gegen internationales Recht verstoßen, werden dagegen politisch unterstützt oder zumindest geschont. Diese Ungleichbehandlung irritiert mich. Sie wirft Fragen auf, die viele Menschen beschäftigen. Warum wird das eine verurteilt und das andere verteidigt? Warum gelten Regeln nicht für alle gleich?
Ich sehe politische Entscheidungen, die ich nicht nachvollziehen kann. Ich sehe Machtspiele, Drohungen, wirtschaftlichen Druck und internationale Konflikte, die auf dem Rücken der Bevölkerung ausgetragen werden. Und ich sehe, wie schwer es ist, sich gegen mächtige Staaten oder politische Akteure zu stellen, die sich an keine Regeln gebunden fühlen.
Trump zum Beispiel kann machen was er will. Keiner traut sich diesen Verbrecher, ja er ist ein Verbrecher vorzugehen. Er kann sich erlauben Entführungen durchzuführen, Länder zu bedrohen, Zölle willkürlich festzulegen und jeder unterwirft sich obwohl es einfach wäre diesen Ganoven die Stirn zu bieten. In diesen Sinne „Völker vereinigt euch.“ Aber so weit wird es nicht kommen.
Gleichzeitig spüre ich, wie sehr diese Entwicklungen unser eigenes Leben beeinflussen. Unsere sozialen Errungenschaften geraten unter Druck. Der Lebensstandard verändert sich. Vieles, was früher selbstverständlich war, steht heute infrage. Und ein Teil dieser Entwicklung hat damit zu tun, dass wir als Gesellschaft vieles hinnehmen, statt uns einzumischen oder klar Stellung zu beziehen.
Ich sage das nicht aus Wut, sondern aus Sorge. Geschichte zeigt, dass Gleichgültigkeit gefährlich ist. Sie zeigt aber auch, dass Veränderung möglich ist, wenn Menschen sich zusammentun und Verantwortung übernehmen. Ob es jemals zu einer solchen gemeinsamen Bewegung kommt, weiß ich nicht. Aber der Gedanke bleibt.
Immer öfter stelle ich mir die Frage, was in unseren Gesellschaften passiert ist. Warum wir uns zurückentwickeln, statt voranzukommen. Ich habe mehr als siebzig Jahre erlebt. Ich kenne den Sozialismus mit seinen Fehlern. Ich kenne den Kapitalismus mit seinen Problemen. Aber so unsicher und angespannt wie heute habe ich mich selten gefühlt.
Ich weiß, man soll respektvoll über Menschen sprechen, besonders über diejenigen, die politische Verantwortung tragen. Doch ich habe den Eindruck, dass viele unserer heutigen Führungskräfte den Anforderungen ihrer Ämter nicht gewachsen sind. Früher gab es Politikerinnen und Politiker, die man respektieren konnte, auch wenn man nicht ihrer Meinung war. Menschen, die führen konnten, die Entscheidungen trafen, die Verantwortung übernahmen. Heute fehlt mir dieser Eindruck.
Ich frage mich, wo die Ursachen liegen. Warum Sachkompetenz und Führungsqualität so stark nachgelassen haben. Liegt es an der Art, wie Politik heute funktioniert? Liegt es an den Parteien, an den Medien, an der Geschwindigkeit der Welt? Oder liegt es daran, dass wir als Gesellschaft vieles zulassen, was wir früher nicht akzeptiert hätten?
Gleichzeitig spüre ich, wie politische Entscheidungen unser tägliches Leben beeinflussen. Soziale Errungenschaften geraten unter Druck. Der Lebensstandard verändert sich. Viele Menschen fühlen sich abgehängt oder nicht mehr ernst genommen. Und ein Teil dieser Entwicklung hat damit zu tun, dass wir uns zu selten einmischen. Wir lassen zu, dass andere über uns bestimmen, ohne dass wir ihnen klare Grenzen setzen.
Ich sage das nicht aus Bitterkeit. Ich sage es, weil ich mir Sorgen mache. Eine Gesellschaft lebt davon, dass Menschen Verantwortung übernehmen – für sich selbst, für andere und für das Gemeinwohl. Wenn diese Verantwortung verloren geht, verlieren wir mehr als nur politische Stabilität. Wir verlieren Vertrauen, Zusammenhalt und Orientierung.
Ich sehe jeden Tag, wie der Respekt im Umgang miteinander verloren geht. Besonders deutlich wird mir das in sozialen Medien. Ich bin oft auf TikTok unterwegs, obwohl ich weiß, dass ein großer Teil des Inhalts belanglos oder schlicht Unsinn ist. Was dort manchmal verbreitet wird, ist haarsträubend. Es wird offen dazu aufgerufen, den eigenen Partner auszuspionieren. Für mich ist das krankhaft. In meiner Ehe hätte ich mein Handy unverschlüsselt liegen lassen können, ohne dass meine Frau das ausgenutzt hätte. Vertrauen war selbstverständlich.
Gleichberechtigung ist für mich eine klare Sache. Aber ich verstehe nicht, warum sich heute manche Frauen öffentlich so negativ über Männer äußern und sogar von Hass sprechen. Wenn jemand Männer nicht mag, dann ist das so. Aber warum dann ständig darüber reden? Oft wirkt es, als ginge es nur darum, Aufmerksamkeit zu bekommen. Die Wortwahl ist häufig eine Zumutung. Der Umgang zwischen den Generationen ist es ebenfalls.
Ich kenne das aus meiner Jugend. Auch meine Eltern sagten damals, die Jugend sei schlechter geworden. Später habe ich selbst Ähnliches gesagt, obwohl es nicht stimmte. Die Jugend war einfach anders. Und das ist gut so. Jede Generation hat ihre eigenen Themen, ihre eigenen Wege.
Aber eines fällt mir auf: Der allgemeine Bildungsstand in Deutschland ist gesunken. Das heutige Abiturniveau entspricht in vielen Bereichen dem Wissen der 10. Klasse der DDR-POS. Ist das ein Wunder? Wie soll Unterricht funktionieren, wenn ein großer Teil der Klasse kaum Deutsch versteht? Wie soll man Rechtschreibung lernen, wenn sie kaum noch eine Rolle spielt? Woher soll Bildung kommen, wenn die Grundlagen fehlen?
Ich mache niemandem persönlich einen Vorwurf. Aber ich sehe eine Entwicklung, die uns als Gesellschaft schwächt. Sprache ist ein Werkzeug. Bildung ist ein Fundament. Wenn beides bröckelt, bröckelt auch der Zusammenhalt.
Ich weiß, dass ältere Menschen vieles nicht mehr verstehen. Sie gehören zu einer anderen Generation, mit anderen Regeln und anderen Erfahrungen. Regeln, die früher richtig waren und heute falsch sein können. Trotzdem sollte man einander mit Respekt begegnen. Genau dieser Respekt fehlt mir bei vielen jungen Menschen.
Oft sehe ich, wie sich jemand über ältere Leute lustig macht, weil sie Probleme mit dem Handy, dem Internet oder dem Computer haben. Ja, natürlich haben sie Schwierigkeiten. Sie haben es nicht gelernt. Warum hilft man ihnen nicht, statt sie zu demütigen? Was ist daran so schwer, jemandem etwas zu erklären, der es nicht kann?
Ich kenne junge Menschen, die selbst grundlegende Dinge nicht beherrschen. Sie können keine Schleife binden. Sie können keinen Fahrrad- oder Autoreifen wechseln. Sie bekommen keinen Nagel in die Wand. Das ist keine Schande. Aber es zeigt, dass jede Generation ihre eigenen Lücken hat. Und es zeigt, wie absurd es ist, sich über andere zu erheben.
Mich ärgert diese Arroganz. Eine Arroganz von Menschen, die bisher auf Kosten ihrer Eltern gelebt haben, ohne selbst viel geleistet zu haben. Ich sage das nicht, um jemanden kleinzumachen. Ich sage es, weil Respekt keine Einbahnstraße ist. Wenn man von älteren Menschen Verständnis erwartet, sollte man ihnen auch Verständnis entgegenbringen.
Jede Generation hat ihre Stärken und Schwächen. Jede Generation hat Dinge, die sie gut kann, und Dinge, die sie erst lernen muss. Aber Respekt ist die Grundlage dafür, dass wir miteinander auskommen. Ohne Respekt bleibt nur Spott, Missverständnis und Abstand. Und das schadet uns allen.
Respekt und Achtung fehlen nicht nur im Alltag. Auch in der Politik sehe ich diese Werte immer seltener. Viele der heutigen Entscheidungsträger wirken auf mich, als hätten sie nie gelernt, Verantwortung zu tragen oder Menschen zu führen. Ich frage mich, ob das eine Folge unserer Bildungspolitik ist. Vielleicht fehlt es an Erfahrung, vielleicht an Wissen, vielleicht an der Fähigkeit, die Realität der Menschen zu verstehen.
Manche Parteien verhalten sich so, als hätten sie das Recht auf Demokratie für sich allein gepachtet. Doch Demokratie bedeutet, dass man auch mit politischen Kräften umgehen muss, die nicht ins eigene Weltbild passen. Wer anderen demokratische Rechte abspricht, verliert selbst an Glaubwürdigkeit. Wenn man Bewegungen mit Härte bekämpft, statt mit Argumenten, stärkt man sie am Ende nur.
Für mich ist das nachvollziehbar. Wenn Überzeugungskraft fehlt, wenn Wissen fehlt, wenn Diskussionen nicht mehr ehrlich und respektvoll geführt werden, entsteht Wut. Früher konnte man tagsüber gemeinsam arbeiten, abends heftig diskutieren und am nächsten Morgen friedlich zusammen Kaffee trinken. Heute scheint das kaum noch möglich zu sein. Konflikte eskalieren schneller. Menschen schlagen verbal oder sogar körperlich zu, statt miteinander zu reden.
Kein Wunder, dass es im Großen genauso aussieht wie im Kleinen. Wenn wir im Alltag nicht mehr in der Lage sind, Konflikte zivilisiert zu lösen, wie soll es dann in der Politik funktionieren? Gewalt – ob verbal oder real – ersetzt Argumente. Und das ist eine gefährliche Entwicklung.
Ständig hört man, wie gewalttätig die rechte Szene sei. Doch wenn ich Nachrichten lese oder Berichte sehe, stoße ich immer wieder auch auf Ausschreitungen von linken Gruppen. Besonders fällt mir dabei die sogenannte Antifa auf. Früher hatte dieser Begriff für mich einen guten Klang. Eine Bewegung, die sich gegen Faschismus stellte. Eine Kraft, hinter der ich stehen konnte. Eine Haltung, die ich respektierte.
Diesen Respekt habe ich verloren. Für mich wirkt die heutige Antifa wie eine Gruppe, die ihre Ziele nicht mehr mit Argumenten verfolgt, sondern mit Gewalt. Früher gab es die SA, die Andersdenkende zusammenschlug und einschüchterte. Ich sehe heute Tendenzen, die mich daran erinnern. Nicht in der gleichen Dimension, aber in der gleichen Richtung. Gewalt ersetzt Überzeugung. Einschüchterung ersetzt Diskussion.
Ich frage mich, warum man nicht versucht, Menschen mit Argumenten zu gewinnen. Warum man nicht auf Überzeugung setzt. Vielleicht liegt es daran, dass die eigene Überzeugung fehlt. Vielleicht daran, dass man nicht diskutieren kann, ohne sofort Zustimmung zu erwarten. Eine ehrliche Auseinandersetzung scheint kaum noch möglich zu sein.
Natürlich kann ich verstehen, warum sich junge Menschen engagieren wollen. Man möchte sich profilieren, man möchte zeigen, dass man auf der „richtigen Seite“ steht, man möchte vorne dabei sein im Kampf gegen das, was man für gefährlich hält. Das ist menschlich. Das war früher nicht anders.
Aber die Art und Weise, wie manche heute auftreten, erinnert mich an Fehler, die wir selbst in den 50er und 60er Jahren gemacht haben. Damals richtete sich der Protest gegen den Kapitalismus, gegen die USA, gegen die Präsenz amerikanischer Soldaten in Deutschland. Viele wollten ein Zeichen setzen. Und viele taten das, indem sie Häuserwände beschmierten, Schaufenster beschädigten oder Eigentum zerstörten.
Doch wem schadete das? Nicht den Mächtigen. Nicht den politischen Gegnern. Es traf einfache Leute. Menschen, die hart arbeiteten, um sich ein Zuhause aufzubauen. Menschen, die nichts mit den politischen Konflikten zu tun hatten. Was sollten diese Menschen über den Sozialismus denken, wenn sie morgens vor einer beschmierten Hauswand standen?
Heute sehe ich ähnliche Muster. Junge Menschen wollen Haltung zeigen, aber sie greifen zu Mitteln, die mehr zerstören als überzeugen. Sie beschädigen Eigentum, sie provozieren, sie schreien, statt zu argumentieren. Und am Ende erreichen sie das Gegenteil von dem, was sie wollen. Sie verlieren Menschen, die sie eigentlich gewinnen müssten.
Engagement ist wichtig. Mut ist wichtig. Aber ohne Respekt, ohne Argumente, ohne die Fähigkeit zuzuhören, wird aus Engagement nur Lärm. Und Lärm verändert nichts. Er schreckt ab. Er spaltet. Er zerstört Vertrauen. Was ist das Ergebnis? Die Partei die bekämpft werden soll wird bald die Regierung bilden. Wie damals die Wirtschaft den Steigbügelhalter für Hitler war sind jetzt die sogenannten Demokratischen Kräfte die Steigbügelhalter.
Ich bin 71 Jahre alt und habe mein Leben gelebt. Ich habe gute Zeiten erlebt und schlechte. Ich habe Krisen gesehen, politische Umbrüche, gesellschaftliche Veränderungen. Aber heute spüre ich eine Angst, die ich so früher nicht kannte. Nicht die Angst vor Russland, wie es uns manche Politiker glaubhaft machen wollen. Ich habe Angst vor den Entscheidungen unserer eigenen politischen Führung.
Ich sehe Menschen in Verantwortung, die früher den Kriegsdienst verweigert haben und heute militärische Einsätze befürworten. Menschen, die nie ein Gewehr in der Hand hatten, nie einen Häuserkampf erlebt haben, nie den Einschlag einer Granate gehört haben. Menschen, die gedanklich mit Atomwaffen spielen, als wären es abstrakte Werkzeuge und nicht Mittel der Vernichtung.
Gleichzeitig sehe ich, wie Millionen Menschen weltweit an Hunger, Armut und fehlender medizinischer Versorgung leiden. Und währenddessen fließen enorme Summen in Waffen und Rüstung. Geld, das aus den Taschen der Bevölkerung stammt. Geld, das an anderer Stelle fehlt. Geld, das Leben retten könnte, aber stattdessen Leben nimmt.
Ich frage mich, wie man so handeln kann. Wie man Entscheidungen treffen kann, die so weit weg sind von der Realität der Menschen. Wie man über Krieg spricht, ohne die Folgen zu kennen. Wie man Risiken eingeht, die andere tragen müssen.
Für mich haben solche Entscheidungen nichts mit Verantwortung zu tun. Und sie verdienen keinen Respekt. Ich werde sie auch nicht so behandeln. Ich habe zu viel erlebt, um mich von großen Worten beeindrucken zu lassen. Ich sehe, was hinter den Worten steht. Und das macht mir Angst aber gibt mir auch die notwendige Kraft meine Enkel so zu erziehen das er sich dies nicht gefallen lässt.